BURGEN IN SCHOTTLAND

Wenn Sie einen alten Schotten abends bei einem Glas Whisky fragen, in welcher schottischen Burg es denn wohl spuke, wird er Sie wahrscheinlich „entgeistert“ anschauen und entgegnen, dass er kaum eine wüsste, bei der dies nicht der Fall wäre. Die nächsten Stunden werden Sie aller Voraussicht nach mit blutrünstigen Gespensterschichten eingedeckt, die Ihnen einen Kälteschauer nach dem anderen den Rücken hinunterjagen. Für Leute, die es während ihres Urlaubs in die düstere mittelalterliche Vergangenheit zieht und die durch einen gekonnten Zeitsprung der modernen Zivilisation entfliehen möchten, ist das „Land der Legenden“ wohl genau das richtige Betätigungsfeld. Burgen – oder das, was noch davon übrig ist – gibt es hier wie Sand am Meer, und da der Himmel eh meistens „auf dem Boden hängt“, wird die dazugehörige Gruselatmosphäre, die nicht unwesentlich zur Authentizität des Erlebnisses beiträgt, meist gratis mitgeliefert. Wer erinnert sich nicht an die Eingangsszene zu „American Werewolf“, in der zwei Backpacker gut gelaunt durch ein einsames schottisches Hochmoor wandern, der Nebel umhüllt sie, die Nacht bricht herein, und mit ihr unser behaarter Freund ... Well then, just get the Scottish feeling ...



Eileen Donan Castle
Loch Duich
Wie Eileen Donan Castle, der Stammsitz der MacLeods denn nun zu besten „Highlander-Zeiten“ ausgesehen haben mag, wusste lange Zeit niemand so genau. Bis ein später Nachfahre dessen, den es bekanntlich nur einmal geben kann, einen Traum hatte, der ihm das Zauberschloss ein wenig näherbrachte. Voller Enthusiasmus darüber, was ihm da während seines Schlafes erschienen, ließ er um die Jahrhundertwende ein detailgetreues Abbild seiner Traumvision erbauen und war recht zufrieden mit seinem Werk. Einige Jahre später wurden durch Zufall mittelalterliche Zeichnungen und Baupläne entdeckt, die bestätigten, dass der Bauherr mit seiner Rekonstruktion ziemlich genau ins Schwarze getroffen hatte. Die beiden Werke – Historie und Neuzeit – glichen einander wie ein Ei dem anderen. Ein echtes „Traumschloss“ also ?

Einzigartig und in seiner landschaftlichen Dramatik kaum zu überbieten ist sicherlich die Lage des Schlosses auf einer kleinen Insel inmitten des Loch Duich, eingerahmt von der majestätischen Bergkulisse der Highlands. Erreichbar ist das Traumschloss nur über eine Steinbogenbrücke, die leider durch ein Kassenhäuschen „abgesichert“ ist. Wer sich von dem großen Parkplatz auf dem Festland, den kontinentalen Reisebussen, den Caravans aus dem Gouda-Land und dem obligatorischen Visitor-Centre abschrecken lässt, sollte nach 18.00 Uhr kommen und die plötzliche Ruhe genießen. Erst wenn der Touristensturm über die Brücke vorüber ist, von der einst Connor MacLeod in die Schlacht zog, ist echte Burgenromantik angesagt.

 

Eilean Donan Castle steht wie der Name schon sagt auf der Insel Donan im Loch Long. Im 6ten Jahrhundert gründete der im Jahr 580 nach Schottland kommende irische Bischoff Donan in der Nähe eine Kirche. Später bauten seine Schüler auf der Insel eine kleine Kommunität. Man erzählt aber auch, dass der gälische König der Otter (Cu-Donn) in silbernen Gewand als Fundament des Schlosses begraben sei.

Die erste Festung entstand vermutlich im 13ten Jahrhundert zum Schutz gegen die Wikinger, da Eilean Donan strategisch gesehen in hervorragender Defensivlage ist inmitten Loch Long, Loch Duich und Loch Alsh. Das manövrieren der Nordischen Langboote durch die Seewege war eher schwierig im Gegensatz zu den kürzeren schottischen Booten, den Birlinns. Ihre Wendigkeit und Kampftauglichkeit prägten die nächsten 300 Jahre Kampf und Transportgeschichte.

 
13.-14.Jahrhundert
Die Form der ersten Befestigung hatte die größte Ausdehnung. Ein Großer Turm im Norden mit 4,3 m dicken Mauern prägte das Aussehen. Entlang der Mauer waren kleinere Türme und Seezugänge zu finden.

15. Jahrhundert
Es ist unklar warum man gegen Ende des 14.Jahrhunderts die Anlage auf ein fünftel reduzierte. Das Haupthaus an der höchsten Stelle war nun das Zentrum der Befestigung. Wehrmauern umschlossen das Ganze
 
16.-17. Jahrhundert
Im Osten wurde eine Bastion gebaut als Plattform für Kanonen. Die Schussplattform wurde durch eine lange Wehranlage mit der Burg verbunden.
1719
Im Spätfrühling verschanzten sich die Jakobiter und 46 spanische Söldner in Eilean Donan. Am 10. Mai wurde die Anlage von drei englischen Fregatten bombardiert. Das Schloss wurde zerstört und blieb 200 Jahre lang eine Ruine.

1912
Begann John MacRae mit dem Wiederaufbau anhand alter Pläne von 1714.

1932
War die Restauration beendet mit der Fertigstellung der Brücke zum Festland bei Dornie.

1985
Wurde an diesem Ort eine der eindrücklichsten Szenen vom  Film "Highlander" gedreht.



Edinburgh Castle
Als die Horde japanischer Touristen sich zur Mittagszeit laut keuchend den Burgberg hinauf arbeitete, um die Sehenswürdigkeit Nummer eins der schottischen Hauptstadt, Edinburgh Castle, in Augenschein zu nehmen, ertönte urplötzlich ein ohrenbetäubender Knall. Die Luft erzitterte und Rauchschwaden quollen über die Burgmauer, die, so wie sie sich nach außen präsentiert, wohl nicht gerade zu dem Zweck erbaut worden ist, Bewunderer aus dem Land der roten Sonne zur Teezeremonie einzuladen. Zunächst trat die dem erschreckten menschlichen Wesen eigene Angstreaktion ein, man tat sich wie eine Horde verschreckter Schafe vor dem Gewitter zitternd zusammen und harrte der Dinge, die da kommen sollten. Während der schottische Fremdenführer im traditionellen Kilt beruhigend und mit sanfter Stimme auf seine Schäflein einsprach, brach das Inferno in Form eines zweiten akustischen Ausbruchs über die Söhne und Töchter Nippons herein.

Ähnlich wie anzunehmenderweise die Amerikaner zu Beginn des japanischen Überfalls auf Pearl Harbour, zerstob die Touristengruppe, von immanenter Panik heimgesucht, in alle Himmelsrichtungen, um ihr Heil in der unkoordinierten Flucht zu suchen. Dem Scotch Guide, dessen Beruhigungsstrategie nun offenbar leicht überfordert war, blieb nichts anderes übrig, als seine Schäflein wieder einzusammeln, vor allem um sie vor dem Überfahrenwerden durch die Black Cabs, die lokalen Taxis zu bewahren. Ob er es schließlich und letztlich geschafft hat, sei an diesem Punkt offengelassen.

Das Ereignis entspricht dem leichten schottischen Hang zur Dramaturgie, auch dem, den Fremden in ihrem kleinen Land ein Maximum an außergewöhnlichen Attraktionen zu bieten. So wird täglich pünktlich um 13.00 Uhr vom Schloßhof eine Kanone abgefeuert, wohl auch in Reminiszenz an „Mons Meg“, die zur Zeit James II. größte Kanone im ganzen Land, die heute noch im Castle zu sehen ist. Ursprünglich mit 50 kg Pulver und einem 250 kg schweren Stein geladen, war „Meggy“ wohl nicht unbedingt ein Leisetreter. Bei besonderen festlichen Anlässen, also an Feiertagen und während des Edinburgh Festivals, wird sogar 13 mal vom Schloßhof aus Salut geschossen, was selbst den tapfersten Japaner zuweilen in die Flucht schlägt.



Inveraray Castle
Loch Fyne, Argyll
Irgendwann im frühen 17. Jahrhundert wurde es dem Duke of Campbell denn doch zu bunt: Jeden Morgen beim Verandafrühstück und jeden Mittag beim Tea liefen ihm diese ausgemergelten, dreckigen und schlecht gekleideten Bauerngestalten vor der Nase herum und verdarben ihm die herrliche Aussicht auf das Seeufer und die Berge. Kurzerhand ließ er das störende Bauerndorf entfernen, verlegte es eine Meile westwärts und schuf sich ein neues Schloss, das nun endlich seinen gehobenen Ansprüchen gerecht wurde. So entstanden das heutige Inveraray, eine barocke Reißbrettgründung, und Inveraray Castle. Dieses scheint nach dem Ritter-Sport-Prinzip erbaut worden zu sein: Quadratisch, praktisch, gut; an jeder Ecke ein schickes Türmchen, fertig ist das Schlossrezept - und ein bisschen Parklandschaft drum herum gehört bei schottischen Schlössern eh zur Standardausstattung.

Wer das schmucke Schlösschen ablichten möchte, sollte etwas Geduld und vor allem einen schlanken, behänden Körper mitbringen. Der einzig taugliche Kodak-Point befindet sich auf einer Brücke über einen Bach, der unweit des Fotoobjekts in den Loch Fyne hinein fließt. Die Brücke ist für die damaligen Verhältnisse gebaut, d.h. für einen Begegnungsfall edler Ritter – Pferdekutsche. Um das Aneinandervorbeifahren zweier Stahlkutschen bewerkstelligen zu können, ist das Bauwerk deutlich zu schmal, so dass zu beiden Seiten Ampeln installiert und Einrichtungsverkehr vorgeschrieben wurden. Die ungeduldigen Stahlkutscher sind durch das langwierige Warten an den Leuchtsignalanlagen meist derart angekratzt, dass sie mit voller Geschwindigkeit und unter Ausnutzung aller verfügbarer Pferdestärken über die schlecht einsehbare - da in hohem Bogen verlaufende – Brücke hinwegheizen, wobei engagierte Hobbyfotografen auf dem Brückenscheitel meist als unliebsames Hindernis angesehen und entsprechend konsequent entfernt werden, Der Urlaub muss schließlich weiter gehen – und zwar schnell.
Kleiner Tipp: In der Mitte der Brücke gibt es einen kleine Mauerausbuchtung, in der sich der gehetzte Bildmacher vor den Stahlkutschern in Sicherheit bringen kann.



Kilchurn Castle
Loch Awe, Argyll
Die Suche nach dem geeigneten Foto-Point, wie bei engagierten Hobby-Fotografen derjenige Punkt genannt wird, von dem aus sich ein Objekt bestmöglich in Szene setzen lässt, ist auch bei Kilchurn Castle von elementarer Bedeutung, um nicht zu sagen lebenswichtig. So bietet für die fotografische Inszenierung ein ruhiger Bergsee meist ideale Voraussetzungen: Er spiegelt das ohnehin schon sehr reizvolle Bild und dupliziert es in spiegelverkehrter Form auf die Filmrolle. Doppelt schön also.

Dass sich mittelalterliche Burgen aus sehr praktischen, verteidigungstechnischen Gründen meist entweder auf Bergen oder an Seen befinden, ist mittlerweile ein alter Hut. Dass sich an schottischen Seen, bei schottischen Seen und um schottische Seen herum ausgedehnte schottische Hochmoore befinden, ist eigentlich auch bekannt. Nicht so dem Fotografen, als er – diese Tatsache wahrscheinlich verdrängend und leicht Whisky-besäuselt – den Foto-Point von Kilchurn Castle rechtzeitig zu einem aufreizenden herbstlichen Sonnenuntergang zu erreichen suchte. Er parkierte zunächst taktisch geschickt seine Stahlkutsche an einer im Abstand von etwa 200 Metern am See vorbeiführenden schottischen Landstraße und überwand mit einem behenden und eleganten Sprung ein widerspenstiges schottisches Schafgatter. Zwischen ihm und dem begehrten Foto-Point, direkt am Ufer des Loch Awe gelegen, befanden sich lediglich etwa 200 Meter Wiese. ... Wiese ... ? ... Oh, Sorry, ... Hochmoor selbstverständlich, Your Highness, wie sich bald herausstellen sollte.
Weiterhin unverzagt, sondierte er, um nicht einzusinken, die wenigen Trittmöglichkeiten und erreichte schließlich auf labyrinthartigen Wegen das Seeufer und den Foto-Point. Geschafft ! ... Klick ... Klick ... Klick ... Filmwechsel ... Klick ... Klick ... Standortwechsel ... Klick ... Klick ... Filmende ... Sonnenuntergang ... Klick ... Klick ... Nacht ... Wie bitte ? Nacht, Your Highness, I’m sorry.

Unvermittelt wurde dem Hobby-Fotografen bewusst, dass er in seinem Enthusiasmus, die Burg am richtigen Standpunkt, zur richtigen Jahreszeit und zur richtigen Tageszeit in Szene zu setzen, zwei entscheidende strategische Fakten nicht berücksichtigt hatte. Erstens: Nach einem Sonnenuntergang wird es dunkel. Zweitens: Um im Dunkeln etwas sehen zu können, benötigt der Homo Sapiens – im Gegensatz zur Nachteule – eine künstliche Lichtquelle, beispielsweise eine sogenannte Taschenlampe.
Jetzt galt es nur noch eines: Das wertvolle Filmmaterial unter Einsatz aller verfügbaren Leben ... Sorry, Sie haben nur eines, Your Highness, dies ist kein Computerspiel ... Oh, ich vergaß ...wieder sicher an die rettende Stahlkutsche zu bringen.
Es sei dem Autor verziehen, wenn an dieser Stelle die Tatsachen, die das Ende der Geschichte herbeiführten, ein wenig verkürzt wiedergegeben werden ... selbstverständlich aus dem einzigen denkbaren Grund, den werten Leser nicht über Gebühr zu ermüden ...
Der Fotograf hat überlebt. Der Film auch. Er (der Fotograf) sank bis zum Knie im Moor ein, brauchte etwa eine Stunde, um 200 Meter Distanz zu überwinden. Er hatte ein Loch in der Hose (das Schafgatter), die schottischen Bergschafe ihr spätabendliches Amusement. Cheers.



Ardvreck Castle
Loch Assynt, North Western Highlands
Von Ardvreck Castle am Loch Assynt ist nun wirklich nicht mehr allzu viel übrig. Es liegt in einer der einsamsten und entlegensten Regionen Schottlands, den nordwestlichen Highlands. Wilde Bergregionen ohne Baum und Strauch, einsame Hochmoore und eisige Spiegelseen bestimmen hier wechselnderweise das Landschaftsbild, sodass die Region auch gelegentlich das ‚Kanada Schottlands‘ genannt wird. Im Norden von Ardvreck gab es nur noch wenig, wogegen man sich hätte verteidigen müssen. Ca. 50 km nördlich befindet sich mit Cape Wrath bereits der nördlichste Punkt Schottlands. Nächste Station im Atlantik ist Island – und die hatten im Mittelalter wohl eher weniger Interesse, hier Unruhe zu stiften ...