EINLEITUNG
Der alte Mann beugte sich vor und streckte seinen rechten Arm hin zum vertrauten Tintenfass, bis das grobe Leinen seiner ausgefransten Robe ihm unter der Achsel spannte. Der helle Ton, erzeugt vom Abtupfen des Gänsekiels am Rand des gehämmertem Kupfers, floh eilig durch das Deckenloch über der Feuerstelle. Hinaus, unter den freien Himmel, den kreisenden Raben nacheilend, weg von diesem engen alten Turm inmitten der nebeldurchwalkten Einöde, welche den unbedarften Reisenden südöstlich des Waldes jäh zu überraschen vermag. Aufatmend lehnte sich der Grauhaarige zufrieden zurück auf seinem Schemel und streckte die Arme weit von sich, fast als wolle er Kraft schöpfen, um im nächsten Moment mit grausiger Gewalt hernieder zu fahren auf sein Werk und es in einem Schub entsetzlichen Wahns zu zerstören. -Jetzt, da er das letzte Zeichen gerade sorgfältig gemalt, der Schrift mit seinem Signum einen Teil seiner Selbst übereignet hatte.
Aber nein, die schlecht behauenen Sandsteinquader, Schild und Gefängnismauer zugleich, warfen nur ein langgezogenes Stöhnen zurück, während der Alte sich wieder vorbeugte. Vorsichtig blies, ja hauchte er fast den feinkörnigen Bimsstaub vom Papier, der die Tinte nun genug getrocknet hatte. So fing er denn, drei Tage vor der Sonnenwende im Winter, erneut von vorne mit der Geschichte, diesmal endlich als Leser, nicht als Schreiber, versuchte gar für sich in aller Stille, zu vergessen, um unbedarft zu sein, was über dreimal sieben Monde hinweg getreulich aus seiner Feder geflossen war, gleich seines Lebenswillen.
- Dies war für lange Zeit sein letztes Werk und er wusste es.
Und er begann zu lesen, Zeichen für Zeichen, Buchstaben für Buchstaben, und plötzlich sah er alles bildlich vor sich, setzte jener Zauber ein, den er gewirkt, um den er gebangt hatte jede Nacht...
DIE LEGENDE DER LEGENDE
An einem schicksalsträchtigen Tage Anno Domini 1994 wurde DIE LEGENDE e.V. Kaiserslautern gegründet - oder, wie man auch sagen darf, DIE LEGENDE begann!
Seit jenen Tagen nach diesem ganz besonderen 18. Obtober vor vielen Jahren ist sie allen an der Zeit des Mittelalters Interessierten und auch den Rollenspielern zu einem Forum in der Pfalz erwachsen, das Erfahrungsaustausch und gegenseitige Anregung fördert. Mit ganzen sieben Gründern ging der Verein ursprünglich an den Start, hat mittlerweile bereits an die 120 Mitglieder und seitdem seinem Namen mutig alle Ehre gemacht.
Eine große Vielfalt an Aktivitäten wurde seither an den Tag gelegt, viele gemeinnützige, öffentliche Veranstaltungen (etwa viele Kinderaktionen) - aber auch sehr viele vereinsinterne Anlässe - organisiert und durchgeführt. Die "LEGENDÄREN MITTELALTERMÄRKTE", welche der gemeinnützige Verein seit 1997 ausrichtet, haben eine solide Basis für weitere, vielfältige Aktionen geschaffen, die allesamt von den Mitgliedern vollkommen ehrenamtlich bewältigt werden. Da bleibt nur wenig Zeit für das übliche Vereinsleben und zum Feiern, mag man da vielleicht annehmen, aber nicht so bei der LEGENDE! Da ist ein bisschen Feiern eigentlich immer mit dabei, in großteils selbst gefertigten Gewandungen und natürlich mit viel mittelalterlichem Flair.
Dieses Flair ist es auch, das ebenso klar im Vordergrund steht wie das Prinzip, immer nur das Richtige am passenden Platz zu tun. Sowohl der Balanceakt zwischen Mittelalter und Rollenspiel, als auch zwischen gemeinnützigem Verein und professionellem Veranstalter gelingt so bereits seit der Vereinsgründung reibungslos. Auf Mittelalterveranstaltungen gebieten der historische Hintergrund und der Anspruch einer intensiven, detailreichen Darstellung mittelalterlicher Kultur den absoluten Verzicht auf alles, was das Prädikat „Fantasy“ trägt. Bei Live-Rollenspiel-Events dagegen wird die Authentizitätsbrille abgesetzt und die Phantasie á la „Herr der Ringe“ ausgelebt. So wird über das Jahr hinweg stets streng thematisch getrennt und das gänzlich ohne Zwänge. Außer den selbst organisierten Veranstaltungen bestimmen viele Fahrten auf andere Mittelaltermärkte das Jahr und machen innerhalb des Vereins einen Hauptzweck aus, nämlich die aktive Darstellung mittelalterlicher Kultur.
Diese Basis auf den zwei Säulen hat sogar noch weitere Vorteile: Es ist offensichtlich, dass sich die Bereiche Mittelalter und Rollenspiel durch die vielen Mitglieder, die in beiden Bereichen engagiert sind, hervorragend ergänzen. Die oft trockene Geschichte wird mit Leben erfüllt, wenn man daran geht, sich selbst eigene Gewandungs- oder Rüstungsteile herzustellen. So wird das Ziel verfolgt, bestimmte Persönlichkeiten und Charaktere glaubhaft darzustellen und dabei letztlich auch viel Phantasie eingesetzt, denn oft sind Quellen lückenhaft und man muss sich viel selbst zusammenreimen. Ebenso wird auch das Rollenspiel wesentlich bereichert, wenn geschichtliche Hintergründe über das Leben im Mittelalter das Spielen tiefgründiger und "realistischer" machen.
Die Terminliste der LEGENDE umfasst nun für das laufende Jahr bereits über siebzig Termine, darunter alleine schon knapp 30 eigene Veranstaltungen und Treffen, sieben gemeinsame Tagesfahrten, neun Teilnahmen an anderen mittelalterlichen Veranstaltungen mit dem “LEGENDÄREN LAGER”. Dazu kommen noch acht größere Kinderaktionen in Kindergärten und Schulen sowie etliche Arbeitsgruppentreffen, die wir zusätzlich anbieten. Das "LEGENDÄRE LAGER" bietet mit der üppigen Darstellung mittelalterlichen Lagerlebens durch eigene Zelte, große Grillstellen, spanische Reiter, Pavesen, Schaukästen mit historischen Originalfunden bis hin zu verschiedenen vereinseigenen Belagerungsgeräten eine attraktive Bereicherung jeder Veranstaltung. Und natürlich die knapp dreißig fleißigen, engagierten Mitglieder, welche sich schon jetzt darauf freuen, die Lagerbesucher mit Attraktionen von interessantem Handwerk bis hin zum üblichen Schwertkampf, von der Vorführung und Erläuterung typischer mittelalterlicher Lebensweisen bis zu Prangerwanderungen und Pestumzügen zu unterhalten und - ganz wichtig, selbst dabei und darüber den Spaß nicht zu vergessen.
Einmal im Monat trifft man sich zu einem Stammtisch, um Informationen auszutauschen, Neuigkeiten zu erfahren, Termine zu vereinbaren und natürlich, um nett beieinander zu sitzen und sich auszutauschen und zu erzählen. Viele langjährige Freundschaften und Partnerschaften sind so schon entstanden. Und natürlich darf die „Königstafel“, das jährliche, höchste Vereinsfest nicht vergessen werden, das traditionell in der Nacht zum ersten Mai stattfindet und allen "Legendären" sehr viel bedeutet.
Immer wieder bildeten sich im Laufe der Zeit auch verschiedene Arbeitsgruppen, je nach Zeit und Engagement der Mitglieder mit verschiedenen Schwerpunkten, ganz individuell nach den Bedürfnissen. Darunter befinden sich so vielfältige Aktivitäten wie Schwertkampf, Bogenschießen, Musik & Tanz, Gewandungs-Schneyderey, Live- und Tisch-Rollenspiel, Internet, Schmieden, Blidenbau uvm. Ganz aktuell wurden beispielsweise Arbeitsgruppen zu etwa zwanzig verschiedenen Themenbereichen innerhalb des Marktorganisations-Teams eingerichtet, woran sich sehr viele Mitglieder beteiligt haben.
Für einen historischen Verein verblüfft die Dynamik der LEGENDE immer wieder, was vielleicht auch durch die junge Altersstruktur gefördert wird. Besonders aber durch die Offenheit untereinander und den Grundsatz der Gleichbehandlung aller Mitglieder. Denn entgegen mittelalterlichen Gepflogenheiten werden vereinsintern niemals Unterschiede gemacht im Ansehen oder in den Tätigkeiten zwischen Frauen und Männern, oder zwischen echtem Adel und bürgerlichen Mitgliedern. Und das ist gut so, sind die arbeitswütigen und hilfsbereiten Mitglieder denn auch der größte Schatz des Vereins und Basisdemokratie ein Grundsatz.
Immer wird darauf geachtet, dass sowohl Einsteiger als auch Fortgeschrittene sich voll entfalten können und eine gute Aufnahme von Neumitgliedern stattfindet. So haben sich die Mitglieder der LEGENDE in ihrer Lagerdarstellung zwar mit der Konzentration auf die Mitte des 13. Jahrhunderts einen Schwerpunkt gelegt, schreiben ihren Mitgliedern aber nur sehr wenig vor und so kommt es, dass sich alle voll entfalten können und Spaß und Engagement auf Dauer erhalten bleiben.
Auf die Frage nach dem „Geheimnis“ hinter diesen Erfolgen kann man so auch nur mit den Stichworten Offenheit, Fairness und Idealismus antworten. Die Gemeinschaft wird hochgehalten und alle großen Entscheidungen fällt man gemeinsam. Dafür steht z.B. der Trink- und Schlachtruf der LEGENDE „Auf den König!“. Denn dabei geht es keinesfalls um eine konkrete historische Person, sondern um die Gemeinschaft als solche, um den Verein als Summe aller Mitglieder. Eine Sichtweise, die allen "Legendären" trotz aller Verwendung von Titeln, Lehen und Ämtern immer am Wichtigsten geblieben ist.
Anno Domini 2010 ist ein ganz großen, lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen und DIE LEGENDE konnte ein eigenes, zentral gelegenes Vereinsheim beziehen, das nun viel mehr Möglichkeiten bietet, das Engagement zu konzentrieren und weiter auszubauen. Solange die Begeisterung des Publikums alle Mitglieder derart weiter motiviert, soll es an der ehrenamtlichen Arbeit nicht scheitern. Auch besteht weiterhin die Möglichkeit, die Burg Hohenecken zu Kaiserslautern in Form einer angestrebten Burgpatenschaft durch den gemeinnützigen Verein zu unterstützen.
Bei alledem ist die LEGENDE stets autark und unabhängig geblieben, hat niemals Politik oder Wirtschaft hofiert, Lobbyismus betrieben oder sich von kleinen Querelen in der Mittelalterszene, die man im Laufe der Jahre miterleben konnte, jemals beeinflussen lassen. DIE LEGENDE und ihre Mitglieder hatten stets eine klare Vorstellung, von dem, was sie wollten und stets versucht, das eben einfach gut zu machen.Es ist ihnen gelungen, dabei vielen sicher einträglicheren Versuchungen des Mammon und Kommerz zu widerstehen. Wie sehr dies gelungen ist, mag ein Jeder gerne selbst entscheiden, etwa anhand eines Besuches auf unserem “LEGENDÄREN MITTELALTERMÄRKTEN“ oder auch weiteren als gemeinnützig anerkannten Veranstaltungen des Vereins.
Und doch sollen die letzten Worte dieses Schriftwerkes nicht mit einem Veranstaltungshinweis enden, sondern wieder mit unserem Dank! Wir möchten uns bedanken und zwar auf das Herzlichste bei allen kleinen und großen Besuchern unserer Veranstaltungen, bei allen Mitgliedern befreundeter Vereine, bei all den tollen Künstlern, Händlern und Handwerkern, welche wir im Laufe der Jahre die Ehre hatten, kennen und schätzen lernen zu dürfen. Es finden sich außergewöhnlich viele großartige Menschen gerade in der Mittelalterszene und gerade diese Kontakte motivieren uns ständig und beständig, die viele Arbeit weiter auf uns zu nehmen.




